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Reimo Lunz

Archäologische Neufunde von der
Stocker Stole

Lorenzner Bote
Juni 2001

Stole oder Stäle nennt man in der Lorenzner Gegend eine stellbrettartig angelegte, also ziemlich ebene Wiesenfläche. Nach dem jeweiligen Hofnamen unterscheidet man eine Stocker Stole, eine Ochsenhauser Stole usw.

 Archäologisch interessant ist vor allem die dem Stockerbauern in Fassing, Herrn Josef Valentin, gehörende Stole, eine langgezogene Wiesenfläche am Südwestfuß des Sonnenburger (=Fassinger) Kopfs. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts war man dort beim Pflügen wiederholt auf alte Mauern gestoßen. Im Frühjahr 1906 führte der Grödner Heimatforscher Wilhelm Moroder, zusammen mit dem Lorenzner Kaufmann Konrad Alverà,  auf der Stocker Stole ausgedehnte Grabungen durch, die – wie Moroder berichtet -  in der Tat mit Mörtel ausführte Mauerreste eines viereckig angelegten Gebäudes von 37,60 m Länge und 10,25 m bis 10,65 m Breite mit einigen Abteilungsmauern im Innern ergaben. Dabei kamen in einer Tiefe von etwa 80 cm bis 1 m über glacialem Lehm mehrere Funde zum Vorschein als: ein vorrömisches kleines Gefäß mit einfachem Punkt- und Linienornament, zahlreiche Tonscherben von Gefäßen, Kochsteine aus serpentinischem Schiefer, kleine Pyramiden aus Ziegel, davon ein Stück mit einer rätischen Inschrift, Spinnwürtel aus Lehm mit Punkt- und Strichverzierung, Stücke aus Bronze, ein Eberzahn, Bruchstücke von römischen Amphoren und Dachziegeln und ein römisches Messer“.  

Instandgesetzter "Ziechweg" vom Schrenkbühel zur Stocker Stole

Ende Juni 1906 nahm auch Hofrat Franz v. Wieser vom Museum Ferdinandeum in Innsbruck Grabungen auf der Stocker Stole vor, und zwar sowohl an der Fundstelle Moroders „als auch etwa drei Meter darüber im Walde und konnte da eine durch eine mörtellose Mauer abgegrenzte Ebene nachweisen, in der bei Grabungsversuchen ebenfalls Herdgruben, Branderde, zahlreiche verzierte Topfscherben, Bruchstücke von Fibeln, Messerchen, eine blaue Koralle, Wetzsteine und zwei römische Bronzemünzen (ein Drusus und ein Constantin) aufgedeckt wurden“.

Etwa gleichzeitig mit Moroder nahm auch Adrian Egger, der spätere Domprobst und Direktor des Diözesanmuseums in Brixen, seine gelegentlichen archäologischen Feldforschungen im Eisack- und im Pustertal auf und suchte dabei wiederholt die Gegend von St. Lorenzen ab. Am Stocker Stole-Felskopf, einer sanften, bewaldeten Erhebung, die die große Wiesenterrasse im Südwesten begrenzt, wurde Egger vor allem Mitte der 30er Jahre fündig. Wie er in seinem Hauptwerk „Prähistorische und römische Siedlungen im Rienz- und Eisacktal“ schreibt, hatte im Frühjahr 1935 ein Sturmwind eine ganze Reihe Bäume entwurzelt. Dabei kamen zahlreiche Tonscherben „aus der fortgeschrittenen Eisenzeit zum Vorscheine“. Auch am „Stocker Acker“, dem eigentlichen Fundplatz Moroders, fand Adrian Egger kleine Keramikbruchstücke.  


Blick von Lothen auf die Weitung von St. Lorenzen

Anfang der 50er Jahre war es vor allem Hubert Stemberger aus Bruneck, der im Rahmen seiner Innsbrucker Dissertation über die „Vorgeschichtlichen Altertümer zwischen Bruneck und Vintl“ die Gegend um den Sonnenburger Kopf nach Vorzeitspuren absuchte. Bei jener Gelegenheit fand er am Sonnenburger Kopf eine urgeschichtliche Handmühle und auf der Stocker Stole ein paar Scherben. Besonders die Keramik von der Stole hatte es ihm angetan, da sich ihre Tonzusammensetzung (die sogenannte Magerung) deutlich von der anderer Fundplätze der Lorenzner Gegend zu unterscheiden schien. Es sind vor allem die weißen Kalkpartikel in der schwarzen oder rötlichen Tonmasse, die der Stocker Stole-Keramik ein eigenes Aussehen verleihen. Wie schon Stemberger richtig gesehen hatte, ist diese ganz besondere Magerung vor allem an römerzeitlichen, aber auch schon an eisenzeitlichen Scherben anzutreffen. Dies könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass im Pustertal auch in der Keramikproduktion der Wandel von der rätischen in die römische Zeit hinein kontinuierlich vor sich ging.

In der Nachfolge von H. Stemberger nahm der Schreiber dieser Zeilen Mitte der 60er Jahre die archäologische Feldforschung in St. Lorenzen wieder auf. So konnten u. a. an mehreren Punkten der Stocker Stole, so in dem (heute aufgelassenen) Stocker Acker und in dem moorigen Wiesenstreifen gegen Sonnenburg zu, prähistorische Funde getätigt werden: Neben Tonscherben der Älteren Eisenzeit fanden sich dabei erstmals auch vereinzelte Keramikbruchstücke der Jüngeren Eisenzeit, wie z. B. Randstücke von Schalen mit S-förmiger Wandung und Riefendekor (um 400 v. Chr.). In den vergangenen Jahren kamen bei wiederholten Geländebegehungen weitere Oberflächenfunde zutage, darunter ein großer, sattelförmiger Mahlstein und das Bruchstück einer sogenannten südalpinen Balken-Handmühle aus Granit. An einer anderen Stelle wurden im Wurzelstock einer durch Windbruch umgestürzten Fichte Keramikbruchstücke (sog. Besenstrichware) der ausgehenden Eisenzeit (1. Jh. v. Chr.) sowie Eisenschlacken aufgedeckt.

All diese Funde deuten darauf hin, dass auf dem Gelände der Stocker Stole mehrere prähistorische und römische, zeitlich aufeinanderfolgende Niederlassungen bestanden, deren älteste etwa ins 9. Jh. v. Chr. und deren jüngste in die ersten Jahrhunderte n. Chr. zurückreichen.

In den vergangenen Wochen wurde schließlich eine weitere prähistorische Siedlungsstelle im Bereich der Stocker Stole entdeckt! Bei der Anlage des von der Gemeinde St. Lorenzen in Angriff genommenen, vom Landesdenkmalamt gutgeheißenen, archäologischen Lehrpfades rund um den Sonnenburger Kopf  wurde der alte „Ziechweg“, der vom Schrenkbühel ausgehend durch den Wald steil zur Stocker Stole ansteigt, mit dem Bagger wieder instandgesetzt und abgeböscht. Dadurch wurde an der Bergseite ein durchgehendes Bodenprofil freigelegt, das uns interessante Einblicke in den Aufbau der Ablagerungen gewährte. Den Untergrund bildet gelblicher Moränenlehm, der seinerseits den an anderer Stelle zutage tretenden Quarzphyllitfelsen überlagert. Fast unmittelbar über der Moräne liegt der dünne, schwärzliche Waldhumusboden. Diese im Bereich des Sonnenburger Kopfs übliche Schichtenfolge weist an zwei Stellen eine deutliche Störung auf: im mittleren Steilstück und im oberen Teil, der in sanfteres Waldgelände überleitet. Im Steilstück setzt unter dem Waldhumus eine durchgehend schwarze Schicht ein, die grabenförmig in den darunterliegenden Moränenlehm eingetieft erscheint. Vereinzelte kleine Tonscherben in der schwärzlichen Schicht deuten darauf hin, dass diese Ablagerung durch menschliches Zutun entstanden ist; vermutlich war hier eine mit Kulturresten angereicherte Schicht in eine grabenartige Mulde am Steilhang hinabgekippt worden. Viel interessanter sind jedoch die Ablagerungen im oberen Teil des Weges. Hier gibt sich im Profil deutlich zu erkennen, dass der Moränenboden künstlich abgegraben worden war – und zwar auf einer Länge von zirka neun Metern. Offensichtlich wollte man durch diesen Eingriff ein flaches, eingetieftes Podium schaffen, auf dem eine größere Behausung Platz haben sollte. Sowohl im Südwesten wie im Nordosten des Profils wird der Übergang vom gelblichen Moränenboden in die schwärzliche Kulturschicht durch das Auftreten größerer, z. T. übereinanderliegender Steinblöcke markiert, wohl ein Zeichen, dass das – wohl hauptsächlich aus Holz errichtete - Gebäude ursprünglich auf einem Trockenmauersockel ruhte. Der genaue Verlauf der Mauern kann noch nicht mit der gewünschten Sicherheit angegeben werden, da die Steinsetzung im Wegbereich offenbar vom Bagger herausgerissen wurde. Um diese Frage zu klären, muss noch weiter in den Hang hineingegraben werden. Die Baulichkeit scheint jedenfalls südwärts über den Weg hinwegzureichen, da hier noch Teile der originalen Kulturschicht vorhanden sind. Diese durch Holzkohle und Asche schwärzlich verfärbte Schicht, die sich im Laufe des Bestandes des Hauses am Untergrund abgelagert hat, enthält zahlreiche Kulturüberreste wie Tierknochen von Mahlzeiten, Tonscherben von Kochgefäßen, von Ess- und Trinkgeschirr, Reib-, Wetz- und andere Arbeitssteine, sowie vereinzelte Fragmente von pyramidenförmigen Webgewichten aus Ton. Mit Hilfe dieser Funde, vor allem anhand der Formen und Verzierungen der Tonscherben, ist es möglich, die hier ans Licht gekommene Baulichkeit zeitlich näher zu bestimmen. Die Keramik entspricht formenkundlich weitgehend der Tonware, wie man sie z. T. schon aus Altfunden von der Stocker Stole und vom Sonnenburger Kopf kennt; eine enge typologische Verwandtschaft besteht aber auch zur Keramik aus den Gräberfeldern von Niederrasen und Melaun bei Brixen, die vorwiegend in das 7.-6. Jh. v. Chr. zu datieren ist.

Eine glänzende Bestätigung dieser zeitlichen Einstufung ergibt sich aus dem Fund eines Bruchstücks einer Bronzefibel (=Gewandschließe), das bei unserer jüngsten Untersuchung in der umgelagerten Kulturschicht mitten am Weg zum Vorschein gekommen war.

Es handelt sich dabei um eine sogenannte Drago- oder Hörnchenfibel mit seitlichen Rosetten – eine im oberitalischen Raum beheimatete Schmuckform, die in unserem Gebiet relativ selten vorkommt. Vergleichbare Stücke kennen wir beispielsweise aus Niederrasen, aus Obervintl und aus Pfatten. Das Besondere an dem Neufund von der Stocker Stole ist aber, dass die seitlich am Fibelbügel angenieteten Rosetten 15fach kreisförmig durchbrochen sind. Genau entsprechende Zierelemente sind bislang nur aus dem bedeutsamen eisenzeitlichen Gräberfeld von Este in den Euganeerbergen im Veneto bekannt, woraus geschlossen werden darf, dass unsere Fibel aus jenem, zur damaligen Zeit modebestimmenden, Raum eingehandelt wurde. In Este wird dieser Fibeltyp in die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datiert. Damit gewinnen wir auch für die Siedlung am Stocker Stole-Waldhang einen entscheidenden Hinweis für die zeitliche Einordnung.

Die Niederlassung dürfte demnach etwa in der Zeit zwischen 620 und 520 v. Chr. bestanden haben.

Bruchstück einer Dragofiebel (=Gewandschließe) aus Bronze mit seitlichen Rosetten. Erhaltene Länge: 3,3 cm
Vollständig erhaltene Dragofiebel aus dem Gräberfeld von Este - Casa del Ricovero. Länge: 10,6 cm. Abbildung nach "Monumenti Antichi, Este I (1985)


 

 

 

 

 

 

 

Reimo Lunz

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