| Presse Verzeichnis | |||||
|
Reimo Lunz Archäologische
Neufunde von der |
Lorenzner
Bote |
||||
|
Stole
oder Stäle nennt man in der Lorenzner Gegend eine stellbrettartig
angelegte, also ziemlich ebene Wiesenfläche. Nach dem jeweiligen Hofnamen
unterscheidet man eine Stocker Stole, eine Ochsenhauser Stole usw. Archäologisch
interessant ist vor allem die dem Stockerbauern in Fassing, Herrn Josef
Valentin, gehörende Stole, eine langgezogene Wiesenfläche am Südwestfuß
des Sonnenburger (=Fassinger) Kopfs. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts
war man dort beim Pflügen wiederholt auf alte Mauern gestoßen. Im Frühjahr
1906 führte der Grödner Heimatforscher Wilhelm Moroder, zusammen mit dem
Lorenzner Kaufmann Konrad Alverà, auf
der Stocker Stole ausgedehnte Grabungen durch, die – wie Moroder
berichtet - „in der Tat mit Mörtel ausführte Mauerreste eines viereckig angelegten
Gebäudes von 37,60 m Länge und 10,25 m bis 10,65 m Breite mit einigen
Abteilungsmauern im Innern ergaben. Dabei kamen in einer Tiefe von etwa 80
cm bis 1 m über glacialem Lehm mehrere Funde zum Vorschein als: ein vorrömisches
kleines Gefäß mit einfachem Punkt- und Linienornament, zahlreiche
Tonscherben von Gefäßen, Kochsteine aus serpentinischem Schiefer, kleine
Pyramiden aus Ziegel, davon ein Stück mit einer rätischen Inschrift,
Spinnwürtel aus Lehm mit Punkt- und Strichverzierung, Stücke aus Bronze,
ein Eberzahn, Bruchstücke von römischen Amphoren und Dachziegeln und ein
römisches Messer“.
|
|||||
|
Instandgesetzter "Ziechweg" vom Schrenkbühel zur Stocker Stole Ende
Juni 1906 nahm auch Hofrat Franz v. Wieser vom Museum Ferdinandeum in
Innsbruck Grabungen auf der Stocker Stole vor, und zwar sowohl an der
Fundstelle Moroders „als auch etwa
drei Meter darüber im Walde und konnte da eine durch eine mörtellose
Mauer abgegrenzte Ebene nachweisen, in der bei Grabungsversuchen ebenfalls
Herdgruben, Branderde, zahlreiche verzierte Topfscherben, Bruchstücke von
Fibeln, Messerchen, eine blaue Koralle, Wetzsteine und zwei römische
Bronzemünzen (ein Drusus und ein Constantin) aufgedeckt wurden“. Etwa
gleichzeitig mit Moroder nahm auch Adrian Egger, der spätere Domprobst
und Direktor des Diözesanmuseums in Brixen, seine gelegentlichen archäologischen
Feldforschungen im Eisack- und im Pustertal auf und suchte dabei
wiederholt die Gegend von St. Lorenzen ab. Am Stocker Stole-Felskopf,
einer sanften, bewaldeten Erhebung, die die große Wiesenterrasse im Südwesten
begrenzt, wurde Egger vor allem Mitte der 30er Jahre fündig. Wie er in
seinem Hauptwerk „Prähistorische und römische Siedlungen im Rienz- und
Eisacktal“ schreibt, hatte im Frühjahr 1935 ein Sturmwind eine ganze
Reihe Bäume entwurzelt. Dabei kamen zahlreiche Tonscherben „aus
der fortgeschrittenen Eisenzeit zum Vorscheine“. Auch am „Stocker
Acker“, dem eigentlichen Fundplatz Moroders, fand Adrian Egger kleine
Keramikbruchstücke.
Anfang
der 50er Jahre war es vor allem Hubert Stemberger aus Bruneck, der im
Rahmen seiner Innsbrucker Dissertation über die „Vorgeschichtlichen
Altertümer zwischen Bruneck und Vintl“ die Gegend um den Sonnenburger
Kopf nach Vorzeitspuren absuchte. Bei jener Gelegenheit fand er am
Sonnenburger Kopf eine urgeschichtliche Handmühle und auf der Stocker
Stole ein paar Scherben. Besonders die Keramik von der Stole hatte es ihm
angetan, da sich ihre Tonzusammensetzung (die sogenannte Magerung)
deutlich von der anderer Fundplätze der Lorenzner Gegend zu unterscheiden
schien. Es sind vor allem die weißen Kalkpartikel in der schwarzen oder rötlichen
Tonmasse, die der Stocker Stole-Keramik ein eigenes Aussehen verleihen.
Wie schon Stemberger richtig gesehen hatte, ist diese ganz besondere
Magerung vor allem an römerzeitlichen, aber auch schon an eisenzeitlichen
Scherben anzutreffen. Dies könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass
im Pustertal auch in der Keramikproduktion der Wandel von der rätischen
in die römische Zeit hinein kontinuierlich vor sich ging. In
der Nachfolge von H. Stemberger nahm der Schreiber dieser Zeilen Mitte der
60er Jahre die archäologische Feldforschung in St. Lorenzen wieder auf.
So konnten u. a. an mehreren Punkten der Stocker Stole, so in dem (heute
aufgelassenen) Stocker Acker und in dem moorigen Wiesenstreifen gegen
Sonnenburg zu, prähistorische Funde getätigt werden: Neben Tonscherben
der Älteren Eisenzeit fanden sich dabei erstmals auch vereinzelte
Keramikbruchstücke der Jüngeren Eisenzeit, wie z. B. Randstücke von
Schalen mit S-förmiger Wandung und Riefendekor (um 400 v. Chr.). In den
vergangenen Jahren kamen bei wiederholten Geländebegehungen weitere
Oberflächenfunde zutage, darunter ein großer, sattelförmiger Mahlstein
und das Bruchstück einer sogenannten südalpinen Balken-Handmühle aus
Granit. An einer anderen Stelle wurden im Wurzelstock einer durch
Windbruch umgestürzten Fichte Keramikbruchstücke (sog. Besenstrichware)
der ausgehenden Eisenzeit (1. Jh. v. Chr.) sowie Eisenschlacken
aufgedeckt. All
diese Funde deuten darauf hin, dass auf dem Gelände der Stocker Stole
mehrere prähistorische und römische, zeitlich aufeinanderfolgende
Niederlassungen bestanden, deren älteste etwa ins 9. Jh. v. Chr. und
deren jüngste in die ersten Jahrhunderte n. Chr. zurückreichen. In
den vergangenen Wochen wurde schließlich eine weitere prähistorische
Siedlungsstelle im Bereich der Stocker Stole entdeckt! Bei der Anlage des
von der Gemeinde St. Lorenzen in Angriff genommenen, vom Landesdenkmalamt
gutgeheißenen, archäologischen Lehrpfades rund um den Sonnenburger Kopf
wurde der alte „Ziechweg“, der vom Schrenkbühel ausgehend
durch den Wald steil zur Stocker Stole ansteigt, mit dem Bagger wieder
instandgesetzt und abgeböscht. Dadurch wurde an der Bergseite ein
durchgehendes Bodenprofil freigelegt, das uns interessante Einblicke in
den Aufbau der Ablagerungen gewährte. Den Untergrund bildet gelblicher
Moränenlehm, der seinerseits den an anderer Stelle zutage tretenden
Quarzphyllitfelsen überlagert. Fast unmittelbar über der Moräne liegt
der dünne, schwärzliche Waldhumusboden. Diese im Bereich des
Sonnenburger Kopfs übliche Schichtenfolge weist an zwei Stellen eine
deutliche Störung auf: im mittleren Steilstück und im oberen Teil, der
in sanfteres Waldgelände überleitet. Im Steilstück setzt unter dem
Waldhumus eine durchgehend schwarze Schicht ein, die grabenförmig in den
darunterliegenden Moränenlehm eingetieft erscheint. Vereinzelte kleine
Tonscherben in der schwärzlichen Schicht deuten darauf hin, dass diese
Ablagerung durch menschliches Zutun entstanden ist; vermutlich war hier
eine mit Kulturresten angereicherte Schicht in eine grabenartige Mulde am
Steilhang hinabgekippt worden. Viel interessanter sind jedoch die
Ablagerungen im oberen Teil des Weges. Hier gibt sich im Profil deutlich
zu erkennen, dass der Moränenboden künstlich abgegraben worden war –
und zwar auf einer Länge von zirka neun Metern. Offensichtlich wollte man
durch diesen Eingriff ein flaches, eingetieftes Podium schaffen, auf dem
eine größere Behausung Platz haben sollte. Sowohl im Südwesten wie im
Nordosten des Profils wird der Übergang vom gelblichen Moränenboden in
die schwärzliche Kulturschicht durch das Auftreten größerer, z. T. übereinanderliegender
Steinblöcke markiert, wohl ein Zeichen, dass das – wohl hauptsächlich
aus Holz errichtete - Gebäude ursprünglich auf einem Trockenmauersockel
ruhte. Der genaue Verlauf der Mauern kann noch nicht mit der gewünschten
Sicherheit angegeben werden, da die Steinsetzung im Wegbereich offenbar
vom Bagger herausgerissen wurde. Um diese Frage zu klären, muss noch
weiter in den Hang hineingegraben werden. Die Baulichkeit scheint
jedenfalls südwärts über den Weg hinwegzureichen, da hier noch Teile
der originalen Kulturschicht vorhanden sind. Diese durch Holzkohle und
Asche schwärzlich verfärbte Schicht, die sich im Laufe des Bestandes des
Hauses am Untergrund abgelagert hat, enthält zahlreiche Kulturüberreste
wie Tierknochen von Mahlzeiten, Tonscherben von Kochgefäßen, von Ess-
und Trinkgeschirr, Reib-, Wetz- und andere Arbeitssteine, sowie
vereinzelte Fragmente von pyramidenförmigen Webgewichten aus Ton. Mit
Hilfe dieser Funde, vor allem anhand der Formen und Verzierungen der
Tonscherben, ist es möglich, die hier ans Licht gekommene Baulichkeit
zeitlich näher zu bestimmen. Die Keramik entspricht formenkundlich
weitgehend der Tonware, wie man sie z. T. schon aus Altfunden von der
Stocker Stole und vom Sonnenburger Kopf kennt; eine enge typologische
Verwandtschaft besteht aber auch zur Keramik aus den Gräberfeldern von
Niederrasen und Melaun bei Brixen, die vorwiegend in das 7.-6. Jh. v. Chr.
zu datieren ist. Eine
glänzende Bestätigung dieser zeitlichen Einstufung ergibt sich aus dem
Fund eines Bruchstücks einer Bronzefibel (=Gewandschließe), das bei
unserer jüngsten Untersuchung in der umgelagerten Kulturschicht mitten am
Weg zum Vorschein gekommen war. Es
handelt sich dabei um eine sogenannte Drago- oder Hörnchenfibel mit
seitlichen Rosetten – eine im oberitalischen Raum beheimatete
Schmuckform, die in unserem Gebiet relativ selten vorkommt. Vergleichbare
Stücke kennen wir beispielsweise aus Niederrasen, aus Obervintl und aus
Pfatten. Das Besondere an dem Neufund von der Stocker Stole ist aber, dass
die seitlich am Fibelbügel angenieteten Rosetten 15fach kreisförmig
durchbrochen sind. Genau entsprechende Zierelemente sind bislang nur aus
dem bedeutsamen eisenzeitlichen Gräberfeld von Este in den Euganeerbergen
im Veneto bekannt, woraus geschlossen werden darf, dass unsere Fibel aus
jenem, zur damaligen Zeit modebestimmenden, Raum eingehandelt wurde. In
Este wird dieser Fibeltyp in die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr.
datiert. Damit gewinnen wir auch für die Siedlung am Stocker
Stole-Waldhang einen entscheidenden Hinweis für die zeitliche Einordnung. Die
Niederlassung dürfte demnach etwa in der Zeit zwischen 620 und 520 v.
Chr. bestanden haben.
|
|||||
|
Reimo Lunz
Texte, Grafiken und Bilder unterliegen dem Urheberrecht. |
|||||