Das Gürtelblech von Lothen

Gürtelblech LothenDas Blech misst 34 cm mal 12,5 cm und besteht aus Bronze. Die Vorderseite zeigt zwei rechtsgewandte Hirsche, der Vordere, ein 12-Ender, ist der größere und äßt. Der Hintere, kleinere, hat die Geschlechtsmerkmale eines männlichen Hirsches, aber keine Hörner, sondern eher die großen Ohren einer Hindin und beschnüffelt das Hinterteil seines Genossen. Auf der Rückseite trägt es eine Inschrift in rätischen Schriftzeichen, welche von Prof. Alessandro Morandi, einen der besten Kenner der etruskischen und der damit verwandten rätischen Sprache als Weiheinschrift mit folgendem Inhalt gedeutet werden: XANUEL SURIES WEIHT DEM HEPRU EIN WERK DES KLUNTURUS.  Auf Rätisch wird das etwa wie: XANUEL SURIES KALA HEPRU ?IA? ?IL KLUNTURUS geklungen haben. Das Gürtelblech selbst wird im Museum der Stadt Bozen aufbewahrt.

Dieses vorzüglich erhaltene Gürtelblech wurde in den Jahren 1939/40 in einer Blockhalde am Südfuß des Burgkofels von Lothen von Straßenarbeitern gefunden, die an der Erneuerung der Straße arbeiteten. Es ist einer, vielleicht der schönste von mehreren Dutzend Funden. Die meisten sind Schmuckstücke aus Bronze und Eisen, wie Fibeln, Armringe, Kopfringe, Zügelringe, Gürtelbleche, Gürtelteile, Ketten, sowie ein langes eisernes Hiebmesser mit Bronzescheide.

Fundzusammensetzung, sowie typologische Vergleiche zeigen, dass die Gegenstände der Stufe La-Téne A zugeordnet werden können, also aus der Zeit zwischen 450 und 370 v. Ch. stammen, wobei der Anteil an keltischen Stücken sehr groß ist. Die Frage, ob es sich dabei um Importstücke aus den keltischen Nachbargebieten handelt, oder um hier siedelnde Kelten, die Rätisch sprachen und schrieben, harrt vorläufig noch weiterer Präzisierung.

Da die Funde in besagter Blockhalde lagen, war eine der möglichen Interpretationen, dass es sich bei diesen Funden um Gegenstände einer von der Hügelkuppe abgerutschten Siedlung handelte. Wiederholte Grabungen auf dem Burgkofel brachten aber keine weiteren eisenzeitlichen Siedlungsspuren zutage. So erscheint es heute am wahrscheinlichsten, dass, wie seinerzeit schon von Professor H. Stemberger formuliert, es sich bei besagtem Fundkomplex um einen Weihefund an die nahe gelegene kleine Quelle handelt.

In den folgenden Wirren des 2. Weltkriegs wurde der wichtige Fundkomplex in alle Winde zerstreut. Dank der wachsamen detektivischen Kleinarbeit des Vor- und Frühgeschichtlers Direktor R. Lunz aus Bruneck, konnte ein Großteil der Stücke in Publikationen, wie die des früheren Direktors der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt, Prof. Werner Krämer, der "Südtiroler Bodenfunde aus dem Münchner Kunsthandel" beschreibt,  oder das exakte Gegenstück eines Lothener Hals- oder Kopfringes in der ehemaligen Diözesan Sammlung in Brixen, identifiziert werden. Durch einen Hinweis von Dr. D. Kramer, Direktor des Joanneums in Graz konnte Direktor Lunz dann in den 1980ern sogar einen Großteil  des Schatzes in Graz ankaufen.

Einige der wichtigsten Stücke dieses Ensembles sind so über große Umwege wieder an ihren Herkunftsort zurückgekehrt und können heute im Ausstellungsraum der Marktgemeinde St. Lorenzen besichtigt werden.